Aktuell

Aktuell

Mobil zurück ins Leben

In den vergangenen Jahren  musste Renate Geißler viele Schicksalsschläge  meistern:   
Zum  einen ist die Saarbrückerin  selbst mehrfach schwerbehindert, zum  anderen  begleitete sie ihre  kürzlich  vers torbene  Tochter  bei ihrer schweren Krebs-erkrankung.

Fam. Geißler mit einem Carsharing-Fahrzeug

Frau Geißler war oft  traurig, deprimiert  und  konnte das Haus  nicht  verlassen. Heute  wirkt  die 71-Jährige dagegen offener, lebensfroher und voller Pläne: Sie möchte  zu ihren  Enkeln  fahren,  mit  ihrer  Schwester,  die  sie bald besucht, einen Ausflug an die Saarschleife  machen und sie nimmt gerne an kulturellen Veranstaltungen  teil.
 
 "Endlich kommen wir wieder unter die Leute, können  spazieren  gehen  und  alles wieder so machen,  wie früher", sagt sie zufrieden.

Ihr großes Glück,  wie sie das Fahrzeug nennt, das sie mit ihrem  Ehemann  Dieter seit mehr  als zwei Jahren regelmäßig bei der Gemeinnützigen Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit (GPS)  in Saarbrücken  ausleihen kann,  ließ  dies  möglich  werden.

Fam.Geißler

 
Das   Tochterunternehmen des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes Rheinland-Pfalz/Saarland betreut ein Carsharing-Projekt, das sich an Familien richtet,  in denen  Menschen mit schweren körperlichen Beeinträchtigungen oder Mehrfach-Behinderungen  leben,  die weder  den öffentlichen Personennahver­ kehr,  noch  ein Standardfahrzeug nutzen können.

Gütlein- Wollin

Durch einen Zeitungsartikel wurde Geißler auf das Angebot aufmerksam. Obwohl man  ihr  auf Nachfrage am  Bürgertelefon gesagt habe:
"So etwas gibt es nicht", gab sie nicht auf, recherchierte im Internet, stieß  auf  die  Gesellschaft und knüpfte mit  Sabine  Wollin  Kontakt, mit der sie heute ein freundschaftliches Verhältnis  verbindet:  "Mein   ganzes  Leben hat sich verändert", blickt  Renate Geißler zurück.  Heute  sei sie wieder flexibel, könne sich  einfach  ins Auto  setzen  und  mit ihrem  Mann  losfahren.

Die Auslastung der vier behindertengerecht umgebauten Fahrzeuge,  die die GPS inzwischen anbietet, sei hoch und liege bei mehr als 90 Prozent.  "Der  Nutzerkreis vergrößert sich stetig",  erklärt Wollin. Neben  Familie  Geißler  würden auch viele Alleinerziehende, die sonst nicht rauskämen, die Autos nutzen,  um Verwandte zu besuchen, zu Familienfesten zu fahren, Ausflüge in Freizeitparks sowie zu sportlichen und  kulturellen Veranstaltungen zu unternehmen oder sich einen  Kurzurlaub zu gönnen.

Als weitere Zielgruppen kommen beispielsweise ältere, mobilitätseingeschränkte Menschen hinzu, ergänzt die Leiterin.

Da das Kriterium der finanziellen Notlage nur schwer zu kontrollieren sei, würde  dieses bei der Vergabe nur nachgelagert  mit  einbezogen.  Für  Arztbesuche   und   Dinge, die  eigentlich die Krankenkasse bezahlen müsste, werden die Fahrzeuge dagegen in der Regel nicht vergeben.

Gestartet wurde das spezielle Carsharing im März 2010 zusammen mit dem Landesbeauftragten für  die  Belange  von Menschen  mit Behinderungen,
Wolfgang Gütlein: "Es gibt keinen  Bürokratismus", lobt dieser das bundesweit einmalige Projekt.

 
Im  Gegensatz zum  normalen Carsharing  sei die  Übergabe und  die  Rück­ gabe der Fahrzeuge ein unkompliziertes Prozedere. Zudem  entstehen den Nutzern keine Mietkosten und somit auch kein Ärger mit den Kostenträgern. Die Fahrzeuge müssen lediglich vollgetankt und gereinigt wieder zum vereinbarten Ort zurückgebracht werden.

"In München gibt es in der ganzen Stadt keine solche Carsharing-Möglichkeit",  hat  Renare  Geißler  erfahren, als sie ihre Schwester dort  besucht hat. Das Interesse, das erfolgreiche  Projekt nachzuahmen, sei in anderen  Bundesländern groß, sagt  Gütlein, der viel in ganz Deutschland unterwegs  ist.  

Diesbezüglich werde der Landesbehindertenbeauftragte  immer wieder mit unzähligen Fragen bombardiert. Viele würden  denken,  dass die Antragstellung doch  bestimmt sehr kompliziert sein müsse: "Die  ticken außerhalb des
Saarlandes einfach  anders",bemerkt er. Doch Sabine Wollin, die er als die gute Seele des Projektes bezeichnet, stehe im direkten Kontakt mit den Nutzern  wie der Familie  Geißler  und regle die Vergabe der Fahrzeuge auf persönlicher Ebene.

Das  Büro  des  Landesbeauftragten für die Belange von Menschen mit Behinderungen im Saarland wurde  2013 für  dieses Projekt und eine grenz-überschreitende Broschüre in Paris mit der "Trophäe zur Barrierefreiheit des Europarates" ausgezeichnet.
 
Sozialminister Andreas Strom freut sich, dass Gütlein für dieses hervorragende Beispiel für eine "aktiv gelebte inklusive Gesellschaft" nun  auch internationale Anerkennung erfahren hat.

Dass es trotz des großen Interesses noch keine Nachahmer für das Projekt gebe, hänge wohl auch damit zusammen, dass sich andernorts
dessen Finanzierung als schwierig  gestalte. In  der  Region  hat die  GPS  dagegen  neben  dem  Ministerium  auch  Unterstürzer  beim
Landesamt für Soziales, den Sparkassen Saarbrücken und  Neunkirchen, der Bank  1 Saar,  Peugeot Saartal  und dem Sparverein Saarland gefunden.

Die vier für jeweils rund  7.000  Euro behindertengerecht umgebauten Fahrzeuge wurden durch Spendenmittel aus dem Gewinnsparen finanziert:
"Seit Start des  Projektes  läuft die  Kooperation  mit der GPS sehr gut und wir sind stolz, bei diesem  bundesweit einmaligen Projekt einen entscheidenden Beitrag  leisten zu können", sagt Jens Remlinger, Geschäftsführer des Sparvereins Saarland. Mit den gut sieben Millionen  Losen, die 2013 über die  Sparkassen und Volksbanken verkauft  wurden,  konnten übrigens  mehr als  880.000 Euro an Spenden erwirtschaftet werden.  

Bereits  seit 1951 zeigen die Gewinnspar-Partner so nachhaltiges, gesellschaftliches Engagement.
"Wir stehen  hinter dem Projekt  und werden  dieses weiter  fördern", kündigt Remlinger an . Und Wollin freut sich, dass nach dem Auslaufen der Leasing-Verträge der ersten drei Fahrzeuge  und deren Übernahme  in  den   Fuhrpark  der  GPS Ende 2013 bereits die Weichen für die Ablöse des nächsten Autos im Jahr 2015 durch  den Sparverein Saarland gestellt wurden.

Für  die  Zukunft erhofft er sich "eine stetige Projekt-Erweiterung, gemessen an den Wünschen der Zielgruppen" sowie "eine weiterhin so gute  und  unbüro-kratische Zusammenarbeit mit allen Partnern". Und vielleicht gelingt es den Initiatoren ja doch  noch, Nachahmer in anderen  Bundesländern zu finden.


Quelle: Forum Gesundheit, Autor:Marko Völke

Weitere Infos: Gemeinnützige Gesellschaft für Paritätische Sozialarbeit  mbH,
Sabine Wollin, Feldmannstraße 92,
66119 Saarbrücken, Telefon 0681 9266011, Email carsharing@gps-srp.de


« Zurück zur Übersicht